– Es ist eigenthümlich, wie rege die Phantasie im Traume ist; ich, der ich immer des Nacht<s> Bänder von Gummi om die Füße trage, träumte, daß zwei Schlangen sich um meine Beine schlängelte<n>, sofort greife ich der einen an den Kopf, wache auf und fühle daß ich ein Strumpfband in der Hand habe. –

Friedrich Nietzsche Jugendschriften 1854-1861, 121

Glockenlaute – goldenes Licht durch die Fenster. Traum. Ursache a posteriori hineingedichtet wie bei den Augenempfindungen.

Friedrich Nietzsche Nachgelassene Fragmente 1875-1879, 372

Wer zum Beispiel seine Füsse mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füsse umringeln: diess ist zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: „diese Schlangen müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe“, – so urtheilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene nächste Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiss Jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten, Kanonschüsse in seinem Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklärt, so dass er zuerst die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben meint.

Friedrich Nietzsche Menschliches, Allzumenschliches I und II, 33